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Integration / Inklusion

 

Uta Hartwich                                                                          im März 2012

GOD DOESN’T MAKE JUNK 

Persönliche Betrachtungen zu Integration und Inklusion an der Evangelischen Schule Steglitz

In meinem kanadischen Sommer 2010 hatte ich eine mich sehr beeindruckende Begegnung mit einer älteren Dame, mit der ich mich über das Singen und Beten mit Kindern unterhielt. Sie gab mir u.a. den Spruch GOD DOESN’T MAKE JUNK  mit auf den Weg, wobei Junk hier wohl annähernd mit WERTLOSES ZEUG zu übersetzen wäre. Er steht mir nun immer wieder vor Augen und lässt mich über jedes einzelne Kind, das uns das Leben und Arbeiten in der Schule gelegentlich anstrengend macht, neu nachdenken. Es sind aber gerade diese meine „Spezialisten“, mit denen ich seit nunmehr 30 Jahren an dieser Schule viel gelernt habe. Die Namen habe ich selbstverständlich im Folgenden geändert

Am Anfang, als ich noch gar keine eigene Klasse hatte und niemand von Integration sprach, unterrichtete ich Religion in einer 1.Klasse eine Doppelstunde samstags. Rico ließ sich nicht immer davon abhalten, Stühle durch den Raum zu werfen. Im letzten Herbst wollte ich einer dunklen Gestalt im Park aus dem Weg gehen. „Hallo, Frau Hartwich, erkennen Sie mich noch?“, sprach mich diese plötzlich an und dann erzählte mir Rico Begebenheiten aus der Schule, aber auch von seiner erfolgreichen Ausbildung und Klassenkameraden, mit denen er sich noch trifft. Kinder mit auffälligem Verhalten gab es also schon immer; um die Ursachen dafür oder Diagnostik hat man sich damals noch wenig gekümmert.

Jahre später gab es bei uns in der Oberschule in Parallelklassen eine blinde und eine nahezu taube Schülerin. Das könnte man als Integration bezeichnen: Zwei Behinderte werden in ein bestehendes System eingegliedert. Zu der Zeit entstand auch ein Arbeitskreis von sogenannten Kontaktlehrerinnen und Kontaktlehrern an – den damals nur sechs - Evangelischen Schulen, der sich mit dem Themenkomplex Behinderungen und Teilleistungsstörungen befasste.

Seit Inkrafttreten der UN-Konvention Art. 24, im März 2009 also vor genau drei Jahren, spricht man nun von Inklusion. Hiernach gewährleisten die Vertragsstaaten „an inclusive education system at all levels“, das heißt: im Gegensatz zur Integration geht es hierbei um das Einschließen und gar nicht erst „Rausfallen-lassen“ jedes Individuums. Das ist geltendes Recht bzw. unserer aller an Schule Beteiligter Aufgabe.

Selbstverständlich kommt dabei der Schulanfangsphase eine enorme Bedeutung zu. Das empfinde ich manchmal als Druck (gerade habe ich den siebenten Jahrgang Klasse 1-3), aber genauso groß ist die Freude, wenn es gelingt, eine Klasse und jedes einzelne Mitglied dieser Gemeinschaft, auf den richtigen Weg zu bringen.  Dazu fällt mir ein Foto von der Klassenfahrt mit meiner letzten Klasse ein.

 

Jede Klassengemeinschaft und -situation ist anders, deshalb kann es auch kein Rezept für INKLUSION geben. Sie beginnt aber mit der Anerkennung und dem Ernstnehmen jedes einzelnen Kindes, gerade auch des scheinbar schwachen. Ich kann nicht das Gleichnis vom verlorenen Schaf erzählen und gleichzeitig eine Schülerin oder einen Schüler „außen vor“ lassen. Alle Kinder haben Stärken; es geht darum diese herauszufinden und zu pflegen.

Vielleicht verdeutlichen ein paar Beispiele für das Miteinander, was ich meine:

-         Tim konnte absolut nicht still sitzen. So wurde aus den Proben in der Aula für uns alle eine Qual, bis er von sich aus fragte: „Ej, Frau Hartwich, kann ich Müll sammeln?“

-         Sabrina konnte nicht „nicht-im-Mittelpunkt-stehen.“ In einer „Schnattergruppe“ mit einigen wenigen Mitschülerinnen- und Mitschülern bewies Lotta ihr Einfühlungsvermögen in Sabrinas Situation und konnte immer wieder vermitteln.

-         Wir verabschiedeten  Tina, die aufgrund diverser Probleme einen längeren Krankenhausaufenthalt vor sich hatte. Ein Junge äußerte, dass sie uns fehlen würde und fragte: „Wird es eine Vertretung für Tina geben?“

Ein wichtiges Instrument im Zusammenhang mit der Inklusion sind für mich Kinderkonferenzen bzw. Klassenräte. Auch hierfür habe ich kein detailliertes Patentrezept, weil wiederum die Beiträge jedes und jeder Einzelnen und die gemeinsame Erarbeitung der Regeln für ihr Gelingen ausschlaggebend sind. Die jetzige 4b hat sich z.B. folgende Gemeinschaftsregeln gegeben.

Ich behandle Andere so wie ich behandelt werden möchte.

Ich höre zu, denke mit und erledige meine Arbeit so gut ich es kann.

Ich trage meinen Teil zum Frieden in der Klasse bei.

 

In meiner jetzigen Klasse 1a wird jede Kinderkonferenz mit diesem Kanon (aus DAS KINDERGESANGBUCH) begonnen. Schon nach wenigen Schulmonaten, waren zwei Jungen in der Lage die Konferenz zu leiten; Ruhe und Konzentration sind weitaus größer als im regulären Unterricht. Ein von den Kindern gefasster Beschluss, beispielsweise WIR SAGEN KEINE SCHIMPFWÖRTER hat eine ganz andere Tragfähigkeit als mein Verbot – und wurde seitdem sogar eingehalten.

Als besonders hilfreich im Zusammenhang mit der Inklusion habe ich die engagierte Mitarbeit der Erzieherinnen und Erzieher seit nun sieben Jahren empfunden. Dass Kinder z.B. vor dem Mittagessen singen oder beten, gemeinsam zu essen beginnen und auf Tischmanieren achten, ist nur ein Baustein. Letztendlich verbringen die Erzieherinnen und Erzieher mehr Zeit mit den Kindern als wir Unterrichtende.

Unerlässlich für den Prozess der Inklusion ist die Unterstützung durch die Eltern. In meiner jetzigen (sehr dynamischen) Klasse achten sie  beispielsweise darauf, dass die Kinder sich durch private Einladungen besser kennenlernen.

Seit einem Jahr haben wir ein neues Konzept für das Fördern und zugleich Fordern. Zunächst nur in den Klassenstufen 5 und 6 haben wir quartalsweise  Arbeitsgemeinschaften z.B.  Die 100 wichtigsten Wörter, Physikalische Experimente,  Englische Konversation gebildet, in denen nun alle – und nicht nur Kinder  mit Rechtschreib- und Mathematikschwierigkeiten  - ihren  Platz haben. Ein weiterer wichtiger Schritt die Stigmatisierung einzelner aufzuheben.

Wir können an unserer Evangelischen Schule nicht glaubwürdig die Jahreslosung 2012 JESUS CHRISTUS SPRICHT: MEINE KRAFT IST IN DEN SCHWACHEN MÄCHTIG singen, ohne uns jede Mühe zu geben allen uns anvertrauten Kindern eine glückliche Schulzeit zu ermöglichen.